Manche Fotografien entstehen spontan. Andere entstehen lange bevor der Auslöser betätigt wird.
NY Departure gehört für mich zur zweiten Kategorie.

NY Departure, 2019
Edition 7 + 1 AP · 160 × 106 cm · Alu-Dibond mit schwarzem Aluminium-Schattenfugenrahmen
Zwischen 2003 und 2020 war ich als Pilot unzählige Male in New York. Mehr als vierzig Mal flog ich an Manhattan vorbei – jedes Mal mit genau dieser Perspektive vor Augen.
Doch als aktiver Teil der Cockpitbesatzung blieb keine Zeit für die Fotografie. Im komplexen Luftraum rund um New York erfordert der Flugbetrieb die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Piloten.
Diese Perspektive ließ mich nicht mehr los. Es war nicht nur die Skyline Manhattans, sondern das Zusammenspiel zwischen der gewaltigen Stadt, den Wasserflächen und dem Licht, das diesen Blick für mich so besonders machte. Mit jedem Flug wurde meine Vorstellung davon präziser, wie das Flugzeug positioniert sein musste, damit aus dieser Idee eines Tages ein Bild werden konnte.
Im Sommer 2019 ergab sich schließlich die Gelegenheit.
Auf einem Flug von Newark nach Düsseldorf war ich als dritter Pilot eingesetzt und deshalb nicht aktiv in die Durchführung des Fluges eingebunden. Schon vor dem Abflug hatte ich das Gefühl, dass an diesem Tag alles zusammenpassen könnte.
Wenige Minuten später erschien Manhattan genau in der Perspektive, die ich über all die Jahre vor Augen gehabt hatte. Für einen kurzen Augenblick stimmten Flugweg, Wetter, Licht und Blickwinkel perfekt überein. In diesem Moment entstand NY Departure.
Seit vielen Jahren vermittle ich in meinen Fotoworkshops einen Gedanken, der auch meine eigene Arbeit prägt: Manche Bilder entstehen nicht in einem Bruchteil einer Sekunde. Sie entstehen über viele Jahre – sichtbar werden sie erst in einem einzigen Augenblick. Für mich beschreibt dieser Satz die Entstehung dieses Bildes besser als jeder technische Aspekt.
Einige Zeit später reichte ich die Aufnahme beim internationalen Fotowettbewerb Life Framer ein. Besonders gefreut hat mich der Kommentar des Herausgebers, weil er genau das beschrieb, was mich zu dieser Aufnahme bewegt hatte:
“There is a coldness in the coloration Joe applies – somehow enhancing the sense of wonder, while tinging it with a sadness at the way we push nature out. I appreciate the use of leading lines, the strong focal point, and the storytelling skills of the photographer. We shouldn’t forget nature is always nearby.”
Selten trifft ein fremder Blick die eigene Bildidee so präzise.

Produktion bei HSL in Düsseldorf.
Die Edition entstand als Alu-Dibond mit schwarzem Aluminium-Schattenfugenrahmen
Die Geschichte des Bildes endete dort nicht – sie fand ihren Weg in die Welt. Gemeinsam mit der Düsseldorfer Manufaktur HSL entstand eine Edition auf Alu-Dibond mit schwarzem Aluminium-Schattenfugenrahmen im Format 160 × 106 cm, limitiert auf sieben Exemplare und einen Artist’s Proof. In dieser Form wurde NY Departure 2019 zum Protagonisten meiner ersten Ausstellung auf der Photo Pop-up Fair im Düsseldorfer Stilwerk – bis heute konnten fünf Exemplare einen neuen Platz finden.
2022 fertigte ich eine weitere Ausführung an und stellte sie der Heartbreaker Charity Auktion in Düsseldorf als Spende zur Verfügung. Das Werk wurde erfolgreich versteigert, der vollständige Erlös kam dem Charity-Projekt zugute.
Heute lebt das Bild in einer weiteren Interpretation weiter: als Schwarz-Weiß-Version, Teil meiner Installation „Up in the Air – From the Cockpit” in der KFO-Praxis ZÄHNE in Neuss.
Rückblickend ist NY Departure für mich weit mehr als eine Luftaufnahme von Manhattan. Es erinnert mich daran, dass Geduld in der Fotografie manchmal genauso wichtig ist wie der richtige Augenblick.

