Es gibt Fotografien, die entstehen innerhalb weniger Sekunden. Und es gibt Bilder, die Jahre brauchen.

In den vergangenen Wochen habe ich mein Life Framer Portfolio vollständig überarbeitet. Was zunächst nach einer einfachen Aufgabe klang – die besten Bilder auszuwählen und hochzuladen – entwickelte sich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit meiner eigenen Fine-Art-Fotografie.

Die Frage hinter der Auswahl

Schnell wurde mir klar, dass es nicht darum ging, meine vermeintlich besten Bilder auszuwählen. Viel wichtiger war eine andere Frage:

Was verbindet diese Fotografien eigentlich?

 

New York Departure – Luftaufnahme von Manhattan kurz nach dem Start in Newark. Die Skyline, der Hudson River und die umliegenden Wasserflächen zeigen den Kontrast zwischen dichter Urbanität und der Natur

New York Departure – Manhattan aus einer Perspektive, auf die ich über viele Jahre gewartet hatte. Aufgenommen 2019 kurz nach dem Start in Newark auf dem Weg nach Düsseldorf

 

Nach und nach kristallisierte sich heraus, dass mich weniger das Spektakuläre interessiert als die Beziehung zwischen Menschen und den Orten, an denen sie leben. Ich suche nicht nach dem einen außergewöhnlichen Moment, sondern nach Bildern, die Atmosphäre vermitteln und den Charakter eines Ortes sichtbar machen.

Gerade bei meinen freien Projekten entstehen viele dieser Fotografien nicht beim ersten Besuch. Ich brauche Zeit, um einen Ort kennenzulernen. Erst wenn aus dem ersten Eindruck Vertrautheit wird, beginne ich, die kleinen, oft unscheinbaren Momente wahrzunehmen, die für mich das Wesen eines Ortes ausmachen.

 

Kinder sitzen auf der Tribüne der Box Arena Gimnasio Rafael Trejo in Alt-Havanna und verfolgen aufmerksam das Geschehen in der Arena

Trejo Kids, Alt-Havanna, Kuba
Kinder auf der Tribüne des Gimnasio Rafael Trejo

Drei Jugendliche sitzen auf den Rängen einer Boxarena in Havanna und blicken ruhig in die Kamera. Die geometrischen Linien der Tribüne und das weiche Tageslicht verleihen der Szene eine stille, zeitlose Atmosphäre

Zehn Jahre nach Trejo Kids kehrte ich an diesen Ort zurück. Was blieb, war die Tribüne. Was sich verändert hatte, war eine Generation. In einem Land, das bis heute viele seiner jungen Menschen verliert, erzählt dieses Bild von Zeit, Aufbruch und dem, was zurückbleibt

 

Aus dieser Erkenntnis entstand schließlich auch der Titel meines neuen Portfolios:

A Sense of Place

Für mich beschreibt dieser Titel weder eine bestimmte Region noch ein einzelnes Projekt. Er beschreibt meine fotografische Haltung.

Ob Kuba, New York, San Francisco, Venedig oder andere Orte – mich interessieren weniger Sehenswürdigkeiten als die Atmosphäre, die Menschen und die Geschichten, die sich zwischen ihnen entwickeln. Ich möchte Bilder schaffen, die nicht alles erklären, sondern Raum für eigene Gedanken lassen.

Viele der gezeigten Fotografien sind über Jahre oder sogar Jahrzehnte entstanden – manche begleitet mich bereits seit den frühen 1990er-Jahren.

Kuba begleitet mich seit meiner ersten Reise im Jahr 1992. Über die Jahre ist daraus ein umfangreiches fotografisches Langzeitprojekt entstanden, das ich in meiner → Kuba-Galerie zeige. Einige Bilder zeigen Menschen, denen ich immer wieder begegnet bin. Andere dokumentieren Veränderungen eines Ortes oder erzählen von alltäglichen Situationen, die sich erst im Rückblick als besonders erweisen.

Zeit versus Haltung

Diese Arbeitsweise ist jedoch keine Frage der verfügbaren Zeit, sondern der fotografischen Haltung. Bei langfristigen Projekten wächst sie durch wiederkehrende Besuche und intensive Beobachtung. Bei einem konkreten fotografischen Auftrag entsteht sie durch sorgfältige Vorbereitung, visuelle und inhaltliche Recherche und meine langjährige Erfahrung darin, mich auf neue Orte einzulassen. So gelingt es mir auch innerhalb kurzer Zeit, Bilder zu entwickeln, die den Charakter eines Ortes einfangen und über eine reine Dokumentation hinausgehen.

Ein Portfolio, viele Themen

Deshalb zeigt das neue Portfolio bewusst unterschiedliche Themen.

Fotografien aus Kuba stehen neben Luftaufnahmen, Stadtlandschaften und Arbeiten aus anderen Ländern. Auf den ersten Blick mögen diese Bilder wenig miteinander gemeinsam haben. Für mich verbindet sie dieselbe fotografische Haltung: Zeit, Vertrautheit und die Beziehung zwischen Mensch und Ort.

Mit der Veröffentlichung auf Life Framer ist dieser Auswahlprozess zunächst abgeschlossen.

 

Screenshot des Life Framer Fotografie-Profils von Joe Willems mit dem Portfolio "A Sense of Place", Titelbild zeigt einen Jungen neben einem alten Auto in Havanna, Kuba

Mein neues Portfolio „A Sense of Place” auf Life Framer

 

Das vollständige Portfolio findest du hier: → https://www.life-framer.com/photographer/joe-willems/

Der nächste Schritt: Kuba

Mit diesem Portfolio endet meine fotografische Reise jedoch keineswegs. Im Gegenteil.

Es markiert für mich den Beginn eines neuen Kapitels. Derzeit arbeite ich an einer sorgfältig kuratierten Fine-Art-Serie über Kuba, die ich für den Life Framer Series Award vorbereite. Anders als ein Portfolio erzählt eine Serie eine zusammenhängende Geschichte. Nach mehr als drei Jahrzehnten regelmäßiger Reisen nach Kuba möchte ich daraus eine fotografische Erzählung entwickeln. Nicht einfach eine Sammlung meiner besten Bilder, sondern eine Serie, die von Zeit, Wandel und den Beziehungen zwischen Menschen und ihrem Lebensraum erzählt.

 

Vier Männer spielen am Abend Domino vor einem Wohnhaus in Havanna. Das warme Licht der Straße und die kühle Beleuchtung aus dem Inneren des Hauses schaffen eine ruhige, alltägliche Atmosphäre

Wenn die Hitze des Tages nachlässt, verlagert sich das Leben vieler kubanischer Viertel auf die Straße. Das gemeinsame Dominospiel gehört seit Generationen zum Alltag und ist weit mehr als nur ein Zeitvertreib – es ist Begegnung, Gemeinschaft und gelebte Nachbarschaft

 

Vielleicht ist genau das der rote Faden meiner Fotografie: Nicht den ersten Eindruck festzuhalten, sondern das, was bleibt, wenn ein Ort vertraut geworden ist. Ich freue mich darauf, diesen Weg weiterzugehen.